'Niederdeutsch' ist für viele Nordlichter inzwischen ein Fremdwort geworden. Welche Hamburgischen Begriffe uns bis heute erhalten geblieben sind, erfahrt ihr hier.
Dienstag, 19. November 2013
Sonntag, 10. November 2013
Hamburgisches Wörterbuch
„Sie entwarf das im Wesentlichen bis heute gültige Konzept eines kleinräumigen, historischen Wörterbuchs, das sowohl dem sprachlichen Wandel, als auch der sozialen Vielfalt und regionalen Gliederung des Stadtstaates Hamburg Rechnung tragen sollte.“*
Die nationalsozialistische Machtergreifung und die Entwicklungen im Dritten Reich stellten jedoch einen tiefen Einschnitt dar. Nicht nur, dass Lasch als Jüdin im Jahre 1934 Berufsverbot erteilt wurde, sie wurde im Verlaufe des Zweiten Weltkrieges deportiert und 1942 umgebracht.**
Zudem hatte das sogenannte Groß-Hamburg-Gesetz schon 1937 dafür gesorgt, dass der Sprach- und Kulturraum Hamburg von einem Tag auf den anderen neue Grenzen bekam.*** Das machte die lexikographische Arbeit teils zunichte und Lasch konnte diese bis zu ihrem Tod 1942 nicht abschließen.
Nach dem Krieg wurde die Arbeit am Wörterbuch wieder aufgenommen, doch einige Jahrzehnte vergingen, bis 1985 endlich der vollständige erste Band (Buchstabe A-E) erschien. Weitere Bände wurden wie folgt veröffentlicht: Band 2 (Buchstabe F-K) im Jahre 2000, Band 3 (Buchstabe L-R) 2004, Band 4 (Buchstabe S) im Jahre 2005 und Band 5 (Buchstabe T-Z / Nachträge) im Jahre 2006 unter Beate Hennig.
Wer schon einmal mit dem Hamburgischen Wörterbuch gearbeitet hat, weiß, dass es kein Taschenbuch für den Hausgebrauch ist, sondern eine umfangreiche Sammlung historischer Lexeme. In der linguistischen Fachbibliothek der Uni Hamburg, wo auch die Arbeit begann, ist eine vollständige Sammlung vorhanden und für alle Studenten und Interessierte zugänglich.
Wer lediglich ein überschaubares Nachschlagewerk für zuhause sucht, ist mit dem Kleinen Hamburgischen Wörterbuch ebenfalls gut beraten.
Fußnoten:
* Meier, Jürgen: Vorwort zum 1. Band, in: Ulrich Pretzel und Hans Kuhn (Hrsg.): Hamburgisches Wörterbuch. Auf Grund der Vorarbeiten von Christoph Walther und Agathe Lasch. Fortgeführt von Jürgen Meier und Dieter Möhn. Bearbeitet von Käthe Scheel und Jürgen Meier. Band 1. Lieferungen 1-8. A-E. Neumünster 1985, S. V.
** Vgl. Ebd.
*** Vgl. Ebd., S. VII.
Freitag, 1. November 2013
Hamburgisch zwischen Konsum und Jugendkultur
Obwohl ich kein richtiger Fan der Gruppe "Fettes Brot" bin, muss ich trotzdem zugestehen, dass früher eine breitere Präsenz der regionalen Sprache herrschte. Gerade auch in Bezug zur Jugendsprache gab es noch stärkere, regional bedingte Unterschiede, die im Grunde ja auch typisch für die Umgangssprache, also den restringierten Code, sind. Trotz verschiedener Bemühungen schaffte es "Hamburgisch" nie die offizielle Standardsprache der Stadt zu werden. Und so sind die leidenschaftlichen Bemühungen zur Bewahrung des Hamburgischen aus lexikologischer Sicht allenfalls von sprachwissenschaftlicher bzw. historischer Qualität. Doch ganz so schwarz sollte man das Ganze rückblickend auch nicht sehen, da die regionalen Mundarten sich im Gegensatz zur standardisierten Hochsprache immer in einem Entwicklungsprozess befinden, auch wenn heutzutage natürlich auch der Einfluss durch die Konsumkultur und die damit verbundene Anglisierung zunehmen.
Welche Begriffe sich dennoch bewusst und unbewusst im Hamburgischen Wortschatz gehalten haben und welche Geschichte das Projekt "Hamburgisches Wörterbuch" beinhaltet, könnt ihr auf den folgenden Seiten erfahren.
Historische Merkmale des Hamburgischen
„Mien Hamborg [...] / hett Hüüs un Haven, Kais un Schepen“*
Auffällig ist auch, dass sich einige hanseatische Poeten in ihren Werken deutlich von anderen Städten distanzieren:
„En Berliner so in Lack un mit Zylinder / Dreew sich nühlichs in uns Danzsalons herum.“**
Das bedeutet frei übersetzt: 'So ein Berliner Snob hat in einer Hamburger Disko oder Hafenkneipe nix verloren.' Diese Abgrenzung zu anderen Sprach- und Kulturräumen dient vorrangig dazu, den eigenen Sprach- und Kulturraum zu festigen.
Sicherlich sollte man die einzelnen Verse nicht zu wörtlich nehmen und besser mit einem Augenzwinkern betrachten, doch es lässt sich durchaus feststellen, dass enorm viel Wert auf Lokalpatriotismus gelegt wurde:
„Uns’re Jungs befort jo alle fremden Meere / Se trägt Hamborgs Ruhm in alle Welt berut“***
Zentral ist hier erneut das Motiv des Hafens und der Seefahrt.
Auch der umgangssprachliche Begriff Plattdüütsch wird in Hamburgischer Lyrik thematisiert. Beispielsweise in den Gedichten von Carl Friedrich Wittmaack alias Charly Wittong:
„Mien Modder sung mi, un plattdütsch Klung mi / Dat erste Leed in Hart un Ohr. / Bün treu de Moddersprook und Leeder ok. / Plattdütsch mien Gang un mien Humor.“****
Dass Plattdüütsch nicht nur als Begriff auftaucht, sondern auch in komplexere soziale Zusammenhänge gebracht wird, zeigt eine starke damalige Verwurzelung mit dem Dialekt.
Fußnoten:
* Claudius, Hermann: Mien Hamborg, in: Peter Martens (Hrsg.): Plattdeutsches Hamburg-Buch. Mit Holschnitten und Zeichnungen von Paul Helms. Neumünster 1989, S. 106.
** Wolf, M.: Een echt Hamborger Deern! Plattdeutsches Original-Couplet von M. Wolf, in: Charly Wittong und Paul Fürst (Hrsg.): Charly Wittong. Hamburger Biller. 25 auserlesene Vorträge in Hoch und Platt ( S.12-13). 2. Auflage. Hamburg-Altona 1925, S. 13.
*** Ebd.
**** Wittong, Charly: Hamborger Biller. Original-Couplet von Charly Wittong, in: Ders. und Paul Fürst (Hrsg.): Charly Wittong. Hamburger Biller. 25 auserlesene Vorträge in Hoch und Platt. 2. Auflage. Hamburg-Altona, 1925, S. 25.
Eine lexikologische Zusammenfassung des Hamburgischen
Niederdeutsch wird linguistisch durch die Benrather Linie vom Mittel- und Oberdeutschen Sprachraum abgetrennt.
Diese sogenannten „Lautverschiebungsisoglossen“* verbildlichen einen historischen Lautwandel. Die heutige Forschung geht mittlerweile davon aus, dass „keine eindeutigen Grenzziehungen möglich“** sind. Der niederdeutsche Sprachraum ist außerdem nicht so einheitlich wie er auf den ersten Blick scheint, denn das Niederdeutsche kann man in erstaunlich viele regionale Dialekte unterteilen.***
Eines der wesentlichen Merkmale des Niederdeutschen und gleichzeitig der größte Unterschied zu Hochdeutsch ist die Tatsache, dass das Hamburgische als Teildialekt des Niederdeutschen „von der zweiten oder hochdeutschen Lautverschiebung, die ungefähr im 6. Jahrhundert n. Chr. einsetzte, nicht erfasst wurde.“****
Die zweite Lautverschiebung hatte Einfluss auf die Aussprache einiger Laute. Insbesondere die Phonologie der Konsonanten „p, t, k (stimmlose Verschlusslaute)“, die „im Oberdeutschen und Mitteldeutschen“ Sprachraum „zu f / pf, s / z, ch (Reibelaute)“ wurden.*****
Als relativ kleines Sprachgebiet konnte sich das Hamburgische durch bestimmte lexikalische Besonderheiten außerdem von anderen niederdeutschen Dialekten abspalten und blieb einige Jahrhunderte lang erhalten, manche sagen 'bis heute'´. Doch wer spricht heutzutage noch Hamburgisch wie zu Großmutters Zeiten?
Bestimmte Begriffe werden jedoch auch heute noch als typisch Hamburgisch bezeichnet. Lokale Begriffe sind heute wohl eher Digger, Knolle & Co. Solche Signalwörter könnten eine gute Methode sein, um auch kleine Sprachräume wie das Hamburgische zu identifizieren.
Fußnoten:
* Stellmacher, Dieter: 4.3. Neuniederdeutsche Grammatik. 4.3.1. Phonologie und Morphologie, in: Gerhard Cordes und Dieter Möhn (Hrsg.): Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Berlin 1983, S. 239.
** Ebd.
*** Vgl. Ebd., S. 240.
**** Cyriacks, Hartmut und Peter Nissen: Sprachführer Plattdüütsch. Ein Lehr- und Lernbuch. In Zusammenarbeit mit dem Ohnsorg-Theater und der NDR Hamburg-Welle 90,3. 9. Auflage. Hamburg 2010, S. 12.
***** Ebd.